Emergenz – 70 Jahre Volksrepublik China

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Emergenz am Tian’anmen Platz

Eines ist offensichtlich, die Parade am Tian’anmen Platz am 1. Oktober 2019 war eine Demonstration von Macht. Die Fernsehstationen weltweit haben in ihren Nachrichten, jeweils zur besten Sendezeit darüber berichtet. Hauptsächlich ging es dabei um den militärischen Teil der Parade. Rüstungsexperten sind in der Lage daraus Erkenntnisse über den Rüstungsstand der Chinesen zu gewinnen. Als Laien sehen wir Drohnen, Raketenträger, Moped – Helikopter, etc. Über deren Gefährlichkeit können wir nur vermuten. Es löst aber Angstgefühle aus. Was uns aber zu tiefst berührt ist der Aufmarsch der Truppen. Der Gleichschritt der Soldaten ist durch nichts zu überbieten. Nicht einmal ein Augenzwinkern und schon gar kein Seitenblick ist zu erkennen. Das braucht eine Selbstdisziplin wie die von Leistungssportlern und auch ein dementsprechendes Training. Das Training dazu heißt exerzieren. Der westliche Beobachter sieht uniformierte Menschen gleicher Größe, mit gleichen Gesichtern, gleicher Mimik und absolut synchroner Bewegung. Das letzte Mal war sowas in Star Wars bei den Klonen- Kriegern zu sehen. Nein – chinesische Soldaten sind noch Menschen. Sofern die technologischen Entwicklungen aber so weiterlaufen, dürfen wir bei der nächsten 10Jahresfeier sehr wohl mit marschierenden „Clonen“ rechnen. Zur Ausübung von Macht ist Synchronizität dringend erforderlich und genau das wird mit den Truppenaufmärschen demonstriert. Gleichzeitig an vielen Orten zu sein und Aktionen gleichzeitig durchführen zu können steigert die Effizienz, also die Schlagkraft.

Power

Für wirkliche Macht (Bild 1) braucht es aber noch einiges mehr. Auf jeden Fall ist dazu ein Gesicht erforderlich. Mit Xi Jinping haben wir hier eine in sich ruhende, gütige, väterliche Figur. So schaut es zumindest bei der Abnahme der Truppenparade aus. Auch beim nächtlichen Event tritt er freundlich nickend, anerkennend und wohlwollend in Erscheinung. Wirkliche Macht ist in sich Ruhend, je größer umso ruhiger. So haben es uns die Weltreligionen viele Jahrtausende gelehrt. Ganz im Gegenteil dazu unsere westlichen Machthaber Donald und Boris mit ihrem Lärm, meist um nichts. Das ist Show und nicht wirklich Macht. Vergleiche mit den Kandidaten der kürzlichen Nationalratswahl in Österreich sind selbst anzustellen.

Macht bedeutet: „Den eigenen Willen beim Anderen, ohne dessen Zustimmung durchzusetzen“. Diese Anderen unterteilen sich nun in vier Gruppen. In die Konformen, Dissidenten, Populisten und der Elite. Letztere sind dann die Machthaber, die sich eine Führungsperson leisten. Auch das zeigt die Parade in Peking.

Es war nicht Präsident Xi und auch nicht die Parteifunktionäre, die sich ein derartiges Spektakel ausgedacht haben, sondern die Elite der Informationstechniker. Je komplexer die Welt wird umso intelligenter muss die Elite sein, um auch eine solche zu bleiben. Deshalb der Kampf um die künstliche Intelligenz. Das Drehbuch zur Parade wurde dieses Mal noch von Menschen erstellt. Obwohl manche Teile der Abendveranstaltung die Grenzen menschlichen Intellekts schon erreicht hat. Hier hat nur mehr die Masse an Mitarbeitern geholfen. Spätestens bei der Winterolympiade 2022 in Peking wird KI omnipräsent sein.

Meist ist der Großteil der Bevölkerung mit dem herrschenden System einverstanden, also konform. Das ist kein chinesisches Phänomen, sondern gilt auch für westliche liberale Gesellschaftssysteme. Das Individuum und dessen Gefühle haben hier den höchsten Stellenwert. Nach Friederich Hegel formt der Geist die Materie was zum Kapitalismus geführt hat. Karl Marx hingegen war der Ansicht, dass es genau umgekehrt sei. Der chinesische Kommunismus hat zu Wohlstand und damit zu freiwilliger Konformität geführt. Die Parade ist auch eine Demonstration von Wohlstand und Luxus. Nicht nur das, sondern auch ein deutlicher Hinweis auf persönliche Freiheit. Der gesamte Abend-Event am Tian’anmen Platz war der Buntheit, der Tradition und dem Individualismus gewidmet. Soviel unterschiedliche Folklore findet man selten an einem Platz. Keine Einheitsunform, sondern Kleidung nach dem globalen Modestandart. Das herzliche Lachen der Kinder und die Ausgelassenheit der Jugend mag zwar vom Veranstalter einstudiert sein, wird sich aber nach dem marxschen Gesellschaftsmodell auf den chinesischen Geist auswirken. Uniformität braucht es für künftige System nicht mehr. Synchronizität jedoch umso mehr. Damit zur wesentlichen Erkenntnis aus der Parade.

Es ist Emergenz!

Im Zentrum der Performance waren die „Plate-Actors“. Eine Gruppe von geschätzt 2000 Personen in glitzernd, silbernen Voll-Körper Anzügen. Jeder von ihnen war mit einer „Plate“ ausgestattet. Diese schaut aus wie das rechteckige Schild eines römischen Legionärs. Mit dem Zusatz, dass es ein fernsteuerbares, farbiges LCD ist. Nicht nur das Display war von einer Zentrale gesteuert, sondern auch die Akteure selbst. Diese erhielten dann Steueranweisung für deren Bewegung wie vor, rück, seit, schnell, langsam, hüpfen, drehen, usw.  Also ein Repertoire an natürlichen menschlichen Bewegungen. Zusätzlich dazu erhielten sie Anweisungen betreffend des Displays wie heben, senken, schräg oder ablegen. Alles Anweisungen die vom Akteur keine besondere Intelligenz erfordern. Was er allerdings sicherstellen muss, ist die absolut präzise und unmittelbare Ausführung der empfangenen Anweisungen. Von seinem Umfeld braucht er kein Feedback, nicht einmal Schwarminformation wie Nähe und Abstand zu seinem Nachbarn sind erforderlich. Der Akteur ist sich seiner Handlungen jederzeit bewusst. Die Zuschauer, insbesondere die auf der Ehrentribüne und TV Zuschauer weltweit erleben ganz was Anderes.

 

Emergenz

Wir sehen laufende chinesische Schriftzeichen, Videoclips über die Gründung der Volksrepublik, die chinesische Flagge wehen, etc.  Das alles anscheinend auf einem Bildschirm mit 150×150 Meter. Hier das Video dazu. Das absolute Highlight war dem Umweltschutz gewidmet. Ein kleines Pflänzchen, noch schutzlos mitten auf einer großen Wiese, die Sonne leuchtet und Regentropfen fallen herunter. Mit jedem Tropfen nimmt die Pflanze Nährstoffe aus dem Boden auf.  Es entwickelt sich ein Baum, ein sehr mächtiger. Letztendlich trägt er auch reichlich Früchte.

Das alles sehen die Zuschauer, und die Akteure wissen von dem nichts. Das ist das Phänomen der Emergenz. Manche beschreiben es mit: „Das Ganze ist mehr als die Teile“. Emergente System bestehen aus vielen Teilen, die miteinander in Kommunikation stehen (Bild 2). Mit dem Studium der Einzelteile wird man das Phänomen des Ganzen nie erkennen. Die Neurowissenschaftler wissen schon sehr viel über die Gehirnzellen. Es ist aber nicht denkbar darüber das Bewusstsein zu erklären.  Astrophysiker dringen immer tiefer in den Kosmos ein. Dessen Emergenz werden sie auf diesem Wege nie erfahren.

Jetzt gibt es Milliarden Gehirnzellen, die Milchstraße hat ebensovielmal Sterne und die Erde bekommt bald 10 Milliarden Einwohner. Wahrscheinlich ist der Mensch nicht das Ende der Evolution, sondern nur ein Durchlaufposten. Als Hypothese sei einmal angenommen, dass wir Menschen emergieren. Dann geht es uns genauso wie den Akteuren auf dem Tian’anmen Platz. Wir wissen über uns selbst sehr gut Bescheid. Das größer Ganze bleibt uns verborgen.

Emergenz ist schwierig zu verstehen. Umso wichtiger war diese Performance zum Jahrestag. Politikern und C-Levels sei obiges Video empfohlen. Sehen tun wir die Entwicklung eimner Pflanze zu einem reich tragenden Pfirsichbaum. Gemeint ist die Volksrepublik China von der Gründung zur global stärksten Macht mit Wohlstand für alle Chinesen. Ein langer Weg von der Idee, zum Drehbuch, zum Programm, zu den Akteuren, über die Bildschirme, in die Augen der Zuschauer und als Erkenntnis ins Bewusstsein.

Wer an die Gaya Hypothese glaubt, sollte die Entwicklung Chinas im Auge behalten. Was mit 1,4 Milliarden funktioniert, wird sich wahrscheinlich global etablieren. Die Erde ein lebendes, denkendes und bewusstes Wesen.

Erkenntnisse aus der Feier am Tian’anmen Platz:

  • Synchronizität wird wichtiger als Uniformität.
  • China gibt Raum für Farbe und Form = Individualität der Akteure.
  • China zeigt vielfältige Tradition und ist stolz darauf.
  • China vereinigt die Philosophien von Marx und Hegel.
  • Die Bedeutung des einzelnen wird in China leicht steigen, im Westen schmerzlich zurückgehen.
  • Die Gaya Hypothese beschreibt die Erde als lebendes, denkendes und bewusstes Wesen.
  • Emergenz tritt offensichtlich erst ab der Milliarden Schwelle von Teilen auf.
  • Die „Plate-Show“ war ein Lehrstück von Emergenz.
  • Dazu braucht es enorme Intelligenz – Der Kampf um AI hat begonnen
  • China ist an der Schwelle Emergenz zu entwickeln – Vernetzungsgrad enorm (WeChat)
  • Wenn du selbst Teil bist wirst du es nie verstehen.
  • Das haben alte Traditionen auch schon gewusst – könnte sich durch AI aber ändern

Manfred Litzlbauer

 

 

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